Lesen überwindet Mauern und Alphabetisierung ist ein Menschenrecht

Hürth – Gleich zwei Ausstellungen rund um das Thema Lesen sind derzeit im Bürgerhaus Hürth und der Stadtbücherei zu erleben. Auf Initiative der Lesefreunde Hürth e.V. sowie der VHS Rhein-Erft beleuchten zwei Bilderserien noch bis zum 30. Oktober die soziale Bedeutung des Lesens. Die Wanderausstellung «Libertree – Bücherbäume überbrücken Mauern» verdeutlicht in den Räumen der Stadtbücherei die Wichtigkeit eines Medienangebotes für Menschen in Haft. Gezeigt werden Bilder, die zum großen Teil von Gefängnisinsassen aus aller Welt gestaltet wurden. Allen Bildern gemein ist dasselbe Motiv: Ein Baum, der auf einer Mauer Wurzeln geschlagen hat, dadurch die Seiten diesseits und jenseits der Mauer verbindet, und als Früchte Bücher trägt. In den Arbeiten von Kindern und Erwachsenen aus so unterschiedlichen Länder wie Palästina, Deutschland oder China erhält das Motiv des Baums eigene Nuancen, die Rückschlüsse auf die Lebenssituation der Künstlerinnen und Künstler erlauben. Ein brasilianischer Gefangener etwa zeigt den Baum als Spender farbenfroher Literatur, die in Kontrast zu den trostlos-schwarzen Büchern der Justiz steht. Bis zu 10 Millionen funktionale Analphabeten Das Motiv des Bücherbaums geht zurück auf einen Traum von Gerhard Peschers. Bei der Eröffnung der Ausstellung am 1. Oktober schilderte der Vorsitzende des Fördervereins Gefangenenbüchereien e.V. eindrücklich sein Traumerlebnis, das ihn dazu anspornte, sich noch stärker international dafür einzusetzen, dass Häftlinge Zugang zu Literatur erhalten. In seiner emotionalen Eröffnungsrede ließ Peschers keinen Zweifel daran, dass sein Engagement in einer tief spirituellen Weltsicht begründet ist. Mit vielen Zahlen und Fakten unterlegt war die anschließende Einführung, die Peter Hubertus zum zweiten Ausstellungsblock «Lesen ist ein Menschenrecht» gab. Der Experte für die Themen Alphabetisierung und Grundbildung, Gründungsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Mitinitiator des Fördervereins Gefangenenbüchereien schilderte plastisch die massive Verbreitung von Leseproblemen in unserer Gesellschaft. Seiner Einschätzung nach müssen bis zu 10 Millionen Menschen in Deutschland als „funktionale Analphabeten“ mit begrenzten Lese- und Schreibkenntnissen gelten.
Peter Hubertus
Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe Eindrücklich skizzierte Hubertus die Probleme dieser Menschen und machte deutlich, wie kompliziert es ist, diesen heterogenen Personenkreis über Kampagnen zu erreichen. Die Plakate, die im Foyer des Bürgerhauses zu sehen sind, zeigen vornehmlich Motive, mit denen Vertrauenspersonen von Menschen mit Leseproblemen erreicht werden können, um sie auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen. Anhand der kreativen und oft überraschenden Plakate aus unterschiedlichen Ländern wird deutlich, wie vielfältig und einschränkend eine verminderte Lesefähigkeit sich auf den Alltag der Betroffenen auswirkt. Margit Reisewitz, Vorsitzende der Lesefreunde Hürth e.V., freut sich im Gespräch über die gelungene Doppelausstellung: „Dass wir in den Räumen der Stadtbücherei und im Foyer des Bürgerhauses einen ganzen Monat lang auf das Thema Lesen aufmerksam machen können, zeigt eindrücklich, wie groß das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Alphabetisierungs-Arbeit inzwischen geworden ist. Wie die Bilder von Gefangenen im Rahmen von «Libertree» deutlich machen, sind Bücher ein Fenster zur Welt. Genau deswegen engagieren sich die Lesefreunde über Mentor Hürth auch dafür, Kinder und Heranwachsende beim Lesenlernen zu unterstützen. Lesen ist eine Schlüsselqualifikation zur gesellschaftlichen Teilhabe. Deswegen ist es wichtig, mit einer Ausstellung wie «Lesen ist ein Menschenrecht» auf die Notwendigkeit einer Verbesserung der Alphabetisierung in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Ich hoffe, dass die Besucherzahlen der Ausstellung weiterhin hoch bleiben, sich noch viele Menschen die beeindruckenden Bilder ansehen und sich von ihnen sensibilisieren lassen.“